Die einen finden es einfach nur grauenhaft. Andere können es kaum erwarten, wenn am Neujahrsmorgen in Mainz zum ersten Mal nach monatelanger Fastnachtsabstinenz endlich wieder der Narrhallamarsch ertönt. Dass es die „fünfte Jahreszeit“, die gemeinhin vom 1. Januar bis Aschermittwoch dauert, in anderen Regionen Deutschlands gar nicht gibt und sie dort auch nicht wirklich vermisst wird, lässt sich von jenen kaum nachvollziehen, die in einer der Karnevalshochburgen am Rhein – also etwa in Köln, Düsseldorf oder Mainz – zu Hause sind. Für sie wäre ohne die tollen Tage mit Prunksitzungen, Umzügen, Ordensverleihungen und Maskenball das ganze Jahr Aschermittwoch. Zugegeben: Manchmal sind diese Veranstaltungen viel zu lang, gar nicht so lustig und ziemlich teuer. Aber als Ventil hat sich die vierfarbbunte Fassenacht, wie sie nicht nur in Mainz, sondern auch in Wiesbaden, Frankfurt, Seligenstadt und Dieburg gefeiert wird, über Jahrhunderte hinweg bewährt. In einer immer komplizierter erscheinenden Welt, die viele Menschen offensichtlich doch stark verunsichert, ist eine launig vorgetragene Büttenrede aus dem Eulenfass zwar meist auch nicht die Lösung, aber sie kann im Idealfall dabei helfen, gesellschaftliche Fehlentwicklungen aufzuzeigen und öffentlich anzuprangern und noch dazu „denen da oben“ den Spiegel vorzuhalten. Dass Letzteres gerade in Russland von den Regierenden nicht gern gesehen wird, muss einen nicht wundern. Letztlich ist die Posse um den Düsseldorfer Karikaturisten Jacques Tilly jedoch eher ein Ritterschlag – zumindest für einen närrischen Motivwagenbauer, der schon angedeutet hat, dass er sich mit seinen Mitteln gegen die russische Einflussnahme zu wehren gedenkt. Schön ist es allerdings nicht, wenn sich selbst Karnevalisten künftig nicht mehr ohne anwaltlichen Rat und Beistand in die Bütt trauen oder eben in einer Wagenhalle ans Werk machen können. Dabei ist die Narretei sowieso ein teurer Spaß, der zudem durch immer höhere Sicherheitsauflagen erschwert wird. In Mainz zum Beispiel soll der Rosenmontagszug 2026 deshalb kürzer und die Last, vor allem die finanzielle Belastung, auf noch mehr Schultern verteilt werden. Wie auch immer das ausgehen mag: Hauptsache, die „fünfte Jahreszeit“ bleibt erhalten.
